Alfred Bernhard Nobel war ein schwedischer Chemiker, Erfinder und Unternehmer. Bekannt wurde er durch das Dynamit, das den Umgang mit Nitroglycerin berechenbarer machte. Den größten Teil seines Vermögens bestimmte er später für jene fünf Auszeichnungen, aus denen die Nobelpreise hervorgingen.
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Seine Biografie ist voller Gegensätze: Nobel interessierte sich für Chemie und Literatur, baute ein internationales Industriegeschäft auf und beschäftigte sich zugleich intensiv mit Friedensfragen. Seine Sprengstoffe erleichterten Bergbau, Tunnelbau und Infrastrukturprojekte, fanden jedoch ebenso militärische Verwendung.
- Geboren: 21. Oktober 1833 in Stockholm
- Gestorben: 10. Dezember 1896 in Sanremo
- Bekannteste Erfindung: Dynamit, patentiert 1867
- Patente: 355 weltweit registrierte Patente
- Testament: unterzeichnet am 27. November 1895 in Paris
- Vermächtnis: fünf ursprüngliche Nobelpreisgebiete
Kindheit und Ausbildung zwischen Stockholm und Sankt Petersburg
Alfred Nobel wurde als Sohn von Andriette und Immanuel Nobel in Stockholm geboren. Sein Vater war Ingenieur, Erfinder und Unternehmer. Nachdem Immanuel Nobel nach Russland gegangen war und dort eine mechanische Werkstatt aufgebaut hatte, folgte ihm die Familie 1842 nach Sankt Petersburg.
Alfred erhielt dort Unterricht durch Privatlehrer. Bereits als Jugendlicher sprach er Schwedisch, Russisch, Deutsch, Englisch und Französisch. Neben Chemie und Physik begeisterte er sich für Literatur – eine Verbindung, die später auch in der Auswahl der Nobelpreisgebiete sichtbar wurde.
Seine weitere Ausbildung führte ihn unter anderem nach Paris. Im Labor des Chemikers Théophile-Jules Pelouze lernte er moderne chemische Verfahren kennen und kam mit der von Ascanio Sobrero entdeckten Substanz Nitroglycerin in Berührung. Die äußerst empfindliche Flüssigkeit besaß große Sprengkraft, ließ sich aber nur schwer sicher herstellen, transportieren und zünden.
Vom Nitroglycerin zum Dynamit
Das technische Problem des Nitroglycerins
Nitroglycerin war nicht Nobels Erfindung. Seine entscheidende Leistung bestand darin, Verfahren zu entwickeln, mit denen sich der Stoff kontrollierter zünden und handhaben ließ. Dabei arbeitete er zeitweise mit seinem Vater zusammen und konzentrierte sich nach der Rückkehr der Familie nach Schweden auf die industrielle Nutzung des Sprengstoffs.
1863 entwickelte Nobel einen frühen Initialzünder; ein entsprechendes Patent erhielt er 1864. Das Prinzip bestand darin, eine kleine Zündladung zu verwenden, um die eigentliche Detonation auszulösen. Aus dieser Entwicklung ging eine verbesserte Sprengkapsel hervor, die für die praktische Anwendung von Nitroglycerin mindestens ebenso wichtig war wie der spätere Sprengstoff selbst.
Die Explosion von 1864 und ihre Folgen
Die Forschung war mit erheblichen Risiken verbunden. Am 3. September 1864 explodierte das Labor in Heleneborg bei Stockholm. Fünf Menschen starben, darunter Nobels jüngerer Bruder Emil. Der Unfall gehört daher nicht in die Geschichte seiner Kindheit, sondern markiert einen dramatischen Einschnitt in der Phase der Nitroglycerinforschung.
Nobel setzte seine Versuche außerhalb dicht besiedelter Gebiete fort. Das wirkt aus heutiger Sicht widersprüchlich, zeigt aber auch, wie stark er von der technischen und wirtschaftlichen Nutzbarkeit des neuen Sprengstoffs überzeugt war.
Dynamit: Kieselgur macht Nitroglycerin handhabbarer
Bei seinen Experimenten stellte Nobel fest, dass sich Nitroglycerin von Kieselgur aufnehmen ließ. Das poröse Material verwandelte die Flüssigkeit in eine formbare Masse, die in Stangen gefüllt und in Bohrlöcher eingesetzt werden konnte. 1866 entwickelte er daraus den Sprengstoff, den er nach dem griechischen Wort dynamis für Kraft „Dynamit“ nannte. Die Patentierung folgte 1867.
Häufig wird erzählt, ausgelaufenes Nitroglycerin habe sich zufällig mit Verpackungsmaterial vermischt und dadurch die Erfindung ausgelöst. Für diese dramatische Anekdote gibt es jedoch keine eindeutige Grundlage. Belastbarer ist die Darstellung, dass Nobel verschiedene absorbierende Stoffe systematisch erprobte.
Dynamit war gegenüber flüssigem Nitroglycerin leichter zu transportieren und einzusetzen, aber keineswegs ungefährlich. In Verbindung mit Nobels Zündtechnik erleichterte es Sprengarbeiten im Bergbau, beim Bau von Eisenbahntrassen, Kanälen und Tunneln. Zugleich blieb jeder industrielle Umgang mit Sprengstoffen mit erheblichen Risiken verbunden.
Sprenggelatine und Ballistit
Nobel entwickelte seine Explosivstoffe weiter. 1875 entstand die sogenannte Sprenggelatine, eine Verbindung aus Nitroglycerin und Nitrocellulose, für die Nobel zwischen 1875 und 1877 Patente erhielt. Sie war leistungsfähig und für bestimmte Arbeiten besser geeignet als das ursprüngliche Dynamit.
In den 1880er-Jahren arbeitete Nobel außerdem an Ballistit, einem raucharmen Treibmittel. Anders als Dynamit war dieses Material ausdrücklich für das Abfeuern von Geschossen von Bedeutung. Ballistit führte zu internationalen Patentstreitigkeiten und zeigt besonders deutlich, wie eng zivile Chemie, Industrie und Militärtechnik im 19. Jahrhundert miteinander verflochten waren.
Unternehmer, Patentinhaber und Eigentümer von Bofors
Nobel verband chemische Forschung mit konsequenter wirtschaftlicher Verwertung. Er meldete Patente in verschiedenen Ländern an, beteiligte sich an Fabriken und baute ein internationales Unternehmensnetz auf. Die häufig genannte Zahl von 355 bezeichnet seine weltweit registrierten Patente und darf nicht einfach mit 355 voneinander unabhängigen Erfindungen gleichgesetzt werden.
1894 übernahm Nobel den schwedischen Betrieb Bofors, der sich unter anderem mit Stahl, Geschützen und weiterer Rüstungstechnik befasste. Damit war Nobel nicht nur Erfinder eines auch militärisch verwendbaren Produkts, sondern unmittelbar an einem Rüstungsunternehmen beteiligt.
Seine Haltung zu Krieg und Frieden blieb dennoch komplex. Er unterstützte Friedensideen und korrespondierte über Abrüstung, glaubte zeitweise aber auch, besonders abschreckende Waffen könnten Kriege verhindern. Eine einfache Einordnung als überzeugter Pazifist oder ausschließlich skrupelloser Rüstungsunternehmer greift deshalb zu kurz.
Sofie Hess und Bertha von Suttner: Persönliche Beziehungen
Die langjährige Verbindung mit Sofie Hess
1876 lernte Nobel im österreichischen Baden Sofie Hess kennen. Ihre Beziehung dauerte rund 15 Jahre und ist durch einen umfangreichen Briefwechsel dokumentiert. Die Korrespondenz zeigt eine persönliche Seite des meist rastlos reisenden Unternehmers, enthält jedoch auch kontrollierende, widersprüchliche und aus heutiger Sicht problematische Äußerungen.
Nobels Nachlassverwaltung erwarb 1898 seine Briefe an Sofie Hess; heute gehören sie zu seinem im schwedischen Reichsarchiv verwahrten Archiv. Sie sind eine wichtige Quelle, sollten aber nicht als romantische Liebesgeschichte verkürzt werden. Vielmehr geben sie Einblick in Nobels Persönlichkeit, seine gesellschaftlichen Vorstellungen und die Spannungen einer schwierigen Beziehung.
Bertha von Suttner und die Friedensidee
Ebenfalls 1876 arbeitete Bertha von Suttner für kurze Zeit als Nobels Sekretärin in Paris. Daraus entwickelte sich eine langjährige Freundschaft und Korrespondenz. Von Suttner wurde später zu einer der bekanntesten Vertreterinnen der europäischen Friedensbewegung und erhielt 1905 selbst den Friedensnobelpreis.
Ihr Austausch mit Nobel beeinflusste nach Einschätzung vieler Historiker seine erneute und intensivere Beschäftigung mit organisierter Friedensarbeit. Seine pazifistischen Interessen waren jedoch älter als die Bekanntschaft, und von Suttner war nicht der einzige Grund für die Aufnahme des Friedenspreises in das Testament. Ausführlicher behandelt dies der Beitrag über die Verbindung zwischen Bertha von Suttner und Alfred Nobel.
Der „Kaufmann des Todes“: Was ist an der Nachrufgeschichte dran?
Zu den bekanntesten Erzählungen über Nobel gehört ein verfrühter Nachruf. Als sein Bruder Ludvig 1888 starb, meldete mindestens eine französische Zeitung irrtümlich Alfreds Tod. Spätere Biografien verbanden diesen Fehler mit der Überschrift „Der Kaufmann des Todes ist tot“ und der Erzählung, Nobel habe daraufhin beschlossen, sein Vermächtnis grundlegend zu verändern.
Diese zugespitzte Version ist historisch nicht belegt. Die genaue Herkunft der berühmten Formulierung bleibt umstritten, und es gibt keine gesicherte Aussage Nobels, wonach der Zeitungsbericht unmittelbar zur Stiftung der Preise geführt habe. Möglich ist, dass öffentliche Kritik sein Nachdenken über die eigene Wirkung verstärkte. Sein Interesse an Wissenschaft, Literatur und Frieden bestand jedoch schon lange zuvor.
Das Testament und die Entstehung der Nobelpreise
Am 27. November 1895 unterzeichnete Nobel in Paris sein letztes Testament. Darin verfügte er, den größten Teil seines Vermögens in einen Fonds einzubringen. Die Erträge sollten jährlich an Menschen vergeben werden, deren Arbeit der Menschheit den größten Nutzen gebracht habe.
Nach seinem Tod umfasste das für die Preise bestimmte Vermögen rund 31 Millionen schwedische Kronen. Die Umsetzung war juristisch und organisatorisch schwierig, da Nobel in mehreren Ländern Unternehmen und Besitz hatte und Teile der Familie das Testament infrage stellten. Die Nobelstiftung wurde 1900 gegründet; am 10. Dezember 1901 wurden die ersten Preise verliehen.
Die fünf von Alfred Nobel bestimmten Preisgebiete
- Physik: vergeben von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften
- Chemie: vergeben von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften
- Physiologie oder Medizin: vergeben von der Nobelversammlung am Karolinska Institut
- Literatur: vergeben von der Schwedischen Akademie
- Frieden: vergeben vom Norwegischen Nobelkomitee, dessen Mitglieder vom norwegischen Parlament bestimmt werden
Die Preise für Physik, Chemie, Medizin und Literatur werden in Stockholm überreicht. Die Verleihung des Friedensnobelpreises findet in Oslo statt. Beide Zeremonien werden traditionell am 10. Dezember abgehalten, Nobels Todestag.
Warum der Wirtschaftspreis kein ursprünglicher Nobelpreis ist
Ein Preis für Wirtschaftswissenschaften stand nicht in Nobels Testament. Die schwedische Zentralbank stiftete 1968 den „Preis der Schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel“. Er wird seit 1969 nach ähnlichen Regeln vergeben, gehört aber nicht zu den fünf von Alfred Nobel eingerichteten Preisgebieten.
Nobels Vermächtnis zwischen Fortschritt und Verantwortung
Alfred Nobels Erfindungen beschleunigten zahlreiche Bau- und Industrieprojekte. Gestein ließ sich effizienter sprengen, Tunnel konnten schneller vorangetrieben und Rohstoffe leichter erschlossen werden. Dieselben chemischen Kenntnisse und Produktionsstrukturen waren jedoch auch für Rüstung und Kriegsführung nutzbar.
Sein Vermächtnis besteht deshalb nicht aus einer einfachen Wandlung vom Sprengstofferfinder zum Friedensstifter. Es verweist vielmehr auf eine bis heute aktuelle Frage: Welche Verantwortung tragen Forschende und Unternehmer für Anwendungen, die über ihre ursprünglichen Absichten hinausgehen?
Auch das chemische Element Nobelium trägt seinen Namen. Die Benennung ehrt Alfred Nobel, bedeutet aber nicht, dass er selbst einen Beitrag zur Kernchemie oder zur Entdeckung dieses Elements geleistet hätte.
Alfred Nobel an vier Orten kennenlernen
Mehrere Museen und Erinnerungsorte vermitteln heute unterschiedliche Seiten seines Lebens. Da Ausstellungen, Eintrittspreise und Öffnungszeiten wechseln können, empfiehlt sich vor einer Reise stets die Prüfung der jeweiligen Betreiberseite.
- Stockholm: Das Nobel Prize Museum liegt am Stortorget in der Altstadt und widmet sich Alfred Nobel, den Preisen und ihren Preisträgern.
- Karlskoga: Alfred Nobels Björkborn war sein letzter Wohnsitz in Schweden. Zum Museum gehören das Herrenhaus und ein Laborgebäude.
- Oslo: Das Nobel Peace Center am Rathausplatz stellt den Friedensnobelpreis und die Arbeit seiner Preisträger in den Mittelpunkt.
- Sanremo: Die Villa Nobel war Nobels letzter Wohnsitz und sein Sterbeort. Das heutige Museum zeigt rekonstruierte Wohn- und Arbeitsräume sowie teilweise originale Einrichtungsgegenstände.
Fazit
Alfred Nobel war Chemiker, Unternehmer, Literaturliebhaber und Teil einer expandierenden Rüstungsindustrie. Das Dynamit machte Sprengarbeiten kontrollierbarer, beseitigte ihre Gefahren aber nicht und konnte zivil wie militärisch eingesetzt werden.
Mit seinem Testament schuf Nobel eine Institution, die seine eigene Lebenszeit weit überdauerte. Gerade der Gegensatz zwischen technischem Fortschritt, wirtschaftlichen Interessen und ethischer Verantwortung macht seine Biografie bis heute lesenswert.
Quellen
- NobelPrize.org: The man behind the prize – Alfred Nobel
- NobelPrize.org: The very first Nobel Prizes
- NobelPrize.org: Statutes of the Nobel Foundation
- NobelPrize.org: Statutes for the Prize in Economic Sciences
- NobelPrize.org: Bertha von Suttner – Facts
- Svenskt biografiskt lexikon: Alfred B. Nobel
- UNESCO Memory of the World: The Alfred Nobel Family Archives
- Royal Society of Chemistry: Nobelium








