Die geschwungene Rückenlehne, das offene Y und eine Sitzfläche aus geflochtener Papierkordel: Der Wishbone Chair lässt sich an wenigen Merkmalen erkennen. Dabei wirkt seine Form weder streng geometrisch noch ausgesprochen verspielt. Rundungen, gerade Streben und die sichtbare Flechtstruktur halten sich gegenseitig im Gleichgewicht.
KI-generierte Illustration
Hinter dem auch als CH24 oder Y-Stuhl bekannten Entwurf steht der dänische Möbeldesigner Hans J. Wegner. Wer den Stuhl für den eigenen Essplatz in Betracht zieht, sollte allerdings mehr prüfen als seine Wirkung auf einem Produktfoto. Entscheidend sind auch die Kombination mit dem Tisch, die gewünschte Sitzhaltung und die passende Materialausführung.
Wie der Wishbone Chair entstand
Wegner entwarf den CH24 im Jahr 1949 für Carl Hansen & Søn. Die Produktion begann 1950; nach Angaben des Herstellers wird das Modell seitdem durchgehend gefertigt. Entwurfsjahr und Produktionsbeginn werden deshalb gelegentlich unterschiedlich angegeben, obwohl sie sich auf denselben Stuhl beziehen.
Die Modellnummer CH24 bezeichnet den Entwurf innerhalb des Herstellerprogramms. „Wishbone Chair“ nimmt auf die gegabelte Rückenstütze Bezug, deren Form an ein Gabelbein erinnert. Im Deutschen hat sich dafür auch die Bezeichnung Y-Stuhl eingebürgert.
Seine gestalterische Eigenständigkeit entsteht vor allem durch die Verbindung der Teile. Die Rückenlehne setzt sich seitlich als Armauflage fort. Dadurch erscheint der obere Bereich wie eine zusammenhängende Linie, obwohl der Stuhl aus mehreren konstruktiven Elementen besteht.
Was die Y-förmige Rückenstütze bewirkt
Das Y ist mehr als ein dekoratives Erkennungszeichen. Es unterstützt den gebogenen oberen Rahmen und lässt gleichzeitig große Teile der Rückenfläche offen. Carl Hansen & Søn beschreibt die Kombination aus durchgehender Rücken- und Armlehne und der charakteristischen Stütze als zentrales Konstruktionsmerkmal.
Gestalterisch entsteht dadurch ein Unterschied zu einem Stuhl mit geschlossener Rückenplatte. Wandfarbe, Tisch und andere Möbel bleiben durch die offenen Bereiche sichtbar. Gerade an einem größeren Esstisch kann diese Durchlässigkeit verhindern, dass eine ganze Stuhlgruppe wie eine geschlossene Barriere wirkt.
Ob die Rückenform persönlich angenehm ist, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Körpergröße, Sitzgewohnheiten und die Dauer der Nutzung spielen ebenfalls eine Rolle.
Holz und Papierkordel: Welche Ausführung passt?
Der CH24 wird in unterschiedlichen Holz- und Oberflächenausführungen angeboten. Dazu gehören beispielsweise Varianten aus Eiche und Buche sowie geölte, geseifte, lackierte oder farbig beschichtete Oberflächen. Welche Kombinationen erhältlich sind, sollte anhand des konkreten Modells geprüft werden.
Für die Auswahl lohnt es sich, drei Fragen getrennt zu betrachten:
- Soll die Holzmaserung sichtbar im Mittelpunkt stehen?
- Wie empfindlich darf die Oberfläche im eigenen Alltag sein?
- Welche Pflege ist auf Dauer realistisch?
Ein weiterer Unterschied liegt im Sitzgeflecht. Papierkordel besteht aus verarbeiteter Papierfaser und ist nicht mit Rattan gleichzusetzen. Die geflochtene Fläche bringt eine andere Struktur in den Raum als ein Polster oder eine glatte Holzsitzfläche.
Naturfarbenes Geflecht kann sich zurückhaltend mit hellen Hölzern verbinden. Schwarzes Geflecht setzt einen deutlicheren Kontrast. Welche Wirkung besser passt, hängt auch von Boden, Tisch und Beleuchtung ab.
Worauf es am Esstisch ankommt
Ein Armlehnstuhl benötigt eine sorgfältigere Abstimmung mit dem Tisch als ein einfacher Küchenstuhl. Vor dem Kauf sollte deshalb nicht nur die Sitzhöhe, sondern auch die Höhe der Armauflagen mit der Tischunterkante verglichen werden.
Besonders wichtig ist die sogenannte Zarge: der Rahmen unter der Tischplatte. Selbst wenn die Platte ausreichend hoch liegt, kann eine tiefer sitzende Zarge verhindern, dass sich der Stuhl weit genug unterschieben lässt.
Auch die Breite des Essplatzes zählt. Zwischen benachbarten Stühlen sollte genügend Platz bleiben, damit man sich setzen und aufstehen kann, ohne die gesamte Reihe zu verschieben. Bei einem ausziehbaren Tisch empfiehlt es sich, sowohl die geschlossene als auch die verlängerte Stellung zu betrachten.
Eine Sitzprobe sollte möglichst in einer vergleichbaren Tischsituation stattfinden. Dabei zeigt sich eher als beim kurzen Probesitzen im Ausstellungsraum, ob Armauflagen, Tischhöhe und persönliche Sitzhaltung zusammenpassen.
So lässt sich der CH24 kombinieren
Der Wishbone Chair muss nicht mit einem Tisch aus derselben Holzart kombiniert werden. Ein heller Stuhl kann an einem dunkleren Tisch gut funktionieren, wenn die übrigen Materialien im Raum eine Verbindung herstellen.
Hilfreich ist eine wiederkehrende Farbe oder Oberfläche: etwa ein ähnlicher Holzton an einem Regal oder ein dunkler Akzent in einer Leuchte. Weniger überzeugend wirkt eine Kombination häufig dann, wenn jedes Möbelstück einen anderen auffälligen Materialkontrast einführt.
Auch eine gemischte Stuhlgruppe ist möglich. Dabei sollten Sitzhöhen und Größenverhältnisse zusammenpassen. Die optische Leichtigkeit des CH24 kann neben sehr massiven Polsterstühlen sonst unbeabsichtigt verloren wirken.
Pflege: Geflecht und Holz getrennt behandeln
Für Papierkordel gelten andere Pflegehinweise als für das Holzgestell. Der Hersteller beschreibt das Geflecht als vergleichsweise pflegearm. Bei verschütteten Flüssigkeiten empfiehlt er vorsichtiges Auftupfen mit einem gut ausgewrungenen weichen Tuch, statt die Flüssigkeit in die Fasern zu reiben. Stark färbende Getränke oder Lebensmittel können dennoch Spuren hinterlassen.
Eine intensive Nassreinigung oder beliebige Haushaltsreiniger sind deshalb keine gute Standardlösung. Maßgeblich bleiben die Pflegehinweise für das konkrete Material.
Beim Holz muss zwischen den Oberflächen unterschieden werden. Ein geöltes Gestell braucht eine andere Behandlung als ein lackiertes oder geseiftes. Pflegeprodukte sollten daher nicht allein nach der Holzart ausgewählt werden.
Ein beschädigtes Sitzgeflecht bedeutet außerdem nicht automatisch das Ende des Stuhls. Fachkundige Flechter können es gegebenenfalls instand setzen oder erneuern. Zustand und Reparaturkosten sollten jedoch vor einem Gebrauchtkauf geklärt werden.
Was beim Gebrauchtkauf wichtig ist
Neben Herkunft und nachvollziehbaren Kaufunterlagen verdienen die Verbindungen, das Gestell und die Sitzfläche Aufmerksamkeit. Gibt es Risse, ungewöhnliches Spiel oder Hinweise auf frühere Reparaturen? Ist das Geflecht gleichmäßig gespannt und vollständig?
Ein einzelner Aufkleber oder ein bestimmtes Detail reicht nicht aus, um Alter und Echtheit sicher zu beurteilen. Bei einem hochpreisigen Angebot kann eine fachkundige Einschätzung sinnvoll sein.
Der CH24 ist vor allem dann eine passende Wahl, wenn seine offene Konstruktion, die Armauflagen und die geflochtene Sitzfläche zum eigenen Gebrauch passen. Eine Materialprobe, genaue Maße und eine gründliche Sitzprobe helfen bei dieser Entscheidung mehr als die Bekanntheit des Entwurfs.






